| Netzwerk-Initiative "Spirituelle Krisen und Transformation" | |
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Der Begriff des
Zeugenbewusstseins wird in vielen meditativen Schulrichtungen
verwendet. Wir finden
ihn im Christentum ebenso wie im Buddhismus, im Sufismus wie auch im
Hinduismus. Es wird mit ihm eine bestimmte Verfassung des Bewusstseins
umschrieben,
der wir uns jetzt einmal in einer Umschreibung annähern wollen. Sobald Sie die Augen schließen und die visuellen Ablenkungen verschwunden sind, werden Sie Ihren Geist beobachten können. Sie werden ein ganz munteres Geplauder verschiedener Stimmen (Aspekte Ihrer selbst) hören. Nicht akustisch, vielmehr als gedachte Worte. Sie nehmen jenes typische Phänomen wahr, das mit den Worten „innerer Dialog“ umschrieben wird: Die eine Stimme will dies, die andere das, und eine andere wiederum ist dagegen… Zwischendurch springen
kleine
Fetzen von Erinnerungsbildern hin und her. Man „sieht“ beispielsweise
den Gemüsestand
vom Wochenmarkt, den man Vortags besuchte und hat plötzlich das
Bild der
attraktiven Verkäuferin im Kopf, man erinnert sich an ihr
Lächeln... Doch unvermittelt
rutscht der Termin mit der Autowerkstatt da hinein und man spürt
innerlich
einen richtigen Groll, denn man fährt wegen der gleichen Sache zum
dritten Mal
dorthin… Das sind unsere
Gedanken. So
funktioniert es in unserem Kopf, sobald wir unsere Aufmerksamkeit
entspannen
und uns nicht auf eine Aufgabe oder ein Thema konzentrieren. Wenn ich von unserem
alltäglichen Bewusstseinszustand spreche, dann meine ich genau
das. Die „Stimmen“
in unserem Hirn sind autonom, plappern unablässig und
widersprechen sich zudem ständig.
Da wären wir schon bei dem nächsten typischen Phänomen
unseres Geistes: Wir denken und fühlen
widersprüchlich. In
unserem Innersten sind wir uneins mit uns selbst. Einige Menschen sind
ein ganz
wenig im Zweifel, andere geradezu zerrissen. Jeder kennt in sich die
eine Stimme,
die da sagt: „Wenn ich mir das jetzt nicht kaufe, dann verpasse ich die
Gelegenheit
und ärgere mich nachher.“ Die andere hält dagegen: „Wenn ich
mir das jetzt
kaufe bin ich am Ende des Geldes für den langen Rest des Monat.“
Und dann gehen
wir weiter und drehen uns nach zehn Schritten doch wieder um.
Vielleicht
lächeln wir sogar. Ok. Das Gefühl hat gesiegt. Das Jackett
wird gekauft,
bezahlt und die Trophäe zum Auto geschleppt. Doch die Freude
währt nur kurz,
denn beim Rückwärtssetzen fährt man sich ein kleines
Beulchen an den
Kofferraum. Das Bewusstsein wird
überflutet
mit heftigen Emotionen und auf dem Heimweg setzt die
Selbstzerfleischung erstmal
richtig ein. Musste das jetzt wieder sein? Hätte man nicht doch
besser auf
seine Vernunft gehört? Wie es der Partnerin beichten? Sie ist in
letzter Zeit
so gereizt… Die Schuldgefühle und die Angst schlagen auf den
Magen. Und das
alles nur, weil man seinem Impuls nachgegeben hat, verdammt! Jetzt
macht das
Jackett keinen Spaß mehr. Man ist wütend auf sich selbst. Ich habe Ihnen hiermit
den ganz
normalen Ego-Zustand beschrieben. Nun setzen wir uns einmal zusammen
hin,
beruhigen den Geist und nennen das ganz einfach Entspannungsübung.
Ein Stuhl,
ein Sessel, egal wo Sie sitzen, Hauptsache ruhig sollte es für die
nächsten
zehn Minuten sein, denn ich möchte Ihnen vermitteln, was das
Zeugenbewusstsein
ist. Tun Sie, was Sie sonst
auch
tun, das heißt lassen Sie Ihren Gedanken einfach freien Lauf und
beobachten Sie
diese. Sie Bemerken, dass sie an das Thema X denken und bemerken auch
den
Wechsel zum Thema Y und dann das nächste. Das aber, was nun ihre
Gedanken
beobachtet, das ist der Beobachter, allerdings der wertende Beobachter.
Er
mischt sich in alle Gedanken und Impulse ein, erwägt diesen oder
jenen,
verwirft, kategorisiert und so weiter. Man könnte das als
„kritisches Bewusstsein“
bezeichnen. Verschiedene Wünsche, Hoffnungen, Pläne etc.
tauchen auf und der
innere Kritiker bewertet sie. Dieser im Verlauf der
Vergeistigung
(Verkopfung - Intellektualisierung) immer deutlicher hervor tretende
Kritiker
macht uns zunehmend das Leben schwer, denn er lässt nichts aus.
Anfangs
kritisiert er nur andere im Außen. Doch schließlich wendet
er sich in Form von
Selbstkritik gegen die eigenen Handlungen und Gedanken und wird zu
einer
wirklichen Mühsal. Und dennoch, dieser
Kritiker
ist die Vorstufe des Zeugenbewusstseins. Vorstufe darum, weil das
Zeugenbewusstsein
keine kritische Aufmerksamkeit mehr sondern den Zustand der
Neutralität
erreicht hat. Neutrale, nicht wertende Aufmerksamkeit, das ist das
Zeugenbewusstsein. Man sieht, fühlt, schmeckt, registriert, doch
man wertet
nicht. Der Kritiker hat Pause und es bleibt nur die nicht wertende
Aufmerksamkeit übrig. Theoretisch ist das,
glaube
ich, ganz leicht zu verstehen: Wir essen ein Stück Kuchen, es
schmeckt, aber
nur das. Der Geist analysiert nicht wonach. Er bedenkt auch nicht die
Rezeptur
und er ist auch nicht mit einem Blick auf die Zeitung beschäftigt,
nichts
dergleichen. Der Kuchen ist im Mund, er wird gekaut und er schmeckt.
Doch das
Schmecken wird nicht bewertet. Es ist ein Schmecken wie das eines
Kindes, das
die Babynahrung gierig aufnimmt, weil sie ihm schmeckt, und nicht weil
es weiß,
dass es dieser oder jener Brei ist, geschweige die Marke des
Herstellers. Das
Kind ist mit allen Sinnen und seiner ganzen Aufmerksamkeit beim
Schmecken und
das ist auch der Grund dafür, warum es den Kindern wirklich so
intensiv und
sinnlich schmeckt. Das Kind aber
weiß natürlich
nicht, dass es sich in einem begnadeten Zustand, nämlich in dem
der
Nicht-Wertung befindet. Jenen, die meditieren, ist dieser
Bewusstseinszustand
ihr neues Ziel und doch ein „alter“ (verlorener) Zustand. Wir wollen also vorerst
unseren denkenden, analysierenden und ständig kommentierenden
Geist beruhigen.
Und die erste Stufe beginnt damit, dass man sich hinsetzt und alles
beobachtet,
was da im Geist so abgeht. Natürlich werden die Alltagskonflikte
und die
Probleme hochgespült. Dann folgt die Stufe,
in der man die
Wurzeln jener Probleme angeht, die dafür sorgen, dass der Quell
der unerfreulichen
und schließlich der angenehmen Gedanken einfach nicht
abreißt. Da ist
vielleicht die Beziehung, die gerade in die Brüche geht oder der
Wohnungswechsel, der seit Monaten aufgeschoben wird. Selbst wenn man
richtig verliebt
ist und nur den Anderen im Kopf hat, ist der Geist nicht im Hier und
Jetzt
sondern mit einem inneren Film beschäftigt. Ein derartiger Geist
ist abgelenkt,
undiszipliniert. Es ist leider so, mit
einem
riesigen Haufen ungelöster Probleme im Kopf kann man nicht
erwarten, dass ein
Fingerschnippen in den erlösten Zustand des Zeugenbewusstseins
führt. Es ist
nicht so, dass man denken oder auch nicht denken kann was und wie man
will. Mit
dem Willen kommt man an den Bewusstseinszustand des Zeugen nicht heran,
man
muss ihn sich erarbeiten, indem man die Konfliktpunkte und die Quelle
der
Störgedanken und der Störgefühle in angemessenem Tempo
löst. Ein häufig
versuchter Trick:
Deckel auf die Probleme und dann ab in die Freiheit des Geistes,
scheitert. Es
folgt also die Phase der Bearbeitung der persönlichen Probleme und
damit schließlich
eine Beruhigung der äußeren Störfaktoren. Das dauert
gewöhnlich seine Zeit, Monate,
meistens einige Jahre. Und dann, wenn man tatsächlich in die
Stille des Geistes
fällt, wenn einen das Aufblitzen der Leere und die gleichzeitige
Freude des
ersten vollkommen gedankenfreien Augenblicks überrascht, erinnert
man sich
vielleicht im Nachhinein wie man als Kind den Kopf in den Nacken legte
und
einen vereisten Winterapfel am Baume in der untergehenden Sonne
glitzern sah. Ohne
Worte. Da ist es, das
namenlose
Staunen. Reine Beobachtung. Keine Wertung. Das Bewusstsein denkt nicht
während
es etwas wahrnimmt. Natürlich nimmt es den Apfel wahr und so
weiter, doch der
Denkapparat ist offline. Natürlich ist aus einer noch einmal
höheren
Perspektive betrachtet der Geist „noch“ mit der „Erfindung“ eines
Apfels und
der eines Wahrnehmenden beschäftigt, doch die Analyse dieses
Zustandes geht in
den Bereich des metasphärischen Bewusstseins in dem sich alle
Wahrnehmungen bereits
als „Traumgebilde“ entpuppen weil nur noch Energiefelder schwingen in
der Art,
wie man das in Science Fiktion Serien sehen kann, wenn ein Mensch auf
ein
Raumschiff gebeamt wird. Das Zeugenbewusstsein
kann
auch diese „phantastischen“ Zustände wahrnehmen, doch das
„alltägliche“ Zeugenbewusstsein
findet noch „bodenständig“ und in diesem Dasein statt, ganz im
Hier und Jetzt. Das
heißt auf dem Wochenmarkt, im Kino, während des Liebesaktes
oder in einem Gespräch
das mit vollkommener Aufmerksamkeit geführt wird. Doch alles beginnt mit
der Selbstbeobachtung
während des Sitzens in
meditativer Stille. Die Aufmerksamkeit nimmt wahr, dass sich der Geist
bestimmte Gedankenbilder spinnt,
doch sie
identifiziert sich nicht mit der Geschichte, lässt sich nicht von
ihr ködern.
Der Zeuge hält keinen Gedankensplitter an unter dem Motto: Ach ja,
der
Wochenmarkt… und spinnt daraus eine nette Geschichte. Das unkontrollierte,
alltägliche Bewusstsein lässt sich allerdings einfangen und
lächelt der – in
seiner Vorstellung – sehr attraktiv wirkenden Marktfrau zu und stellt
sich vor,
was wohl geschähe, wenn man den Mut gehabt hätte, sie
anzusprechen und und und…
Vielleicht wird die Geschichte erotisch und ein männlicher Denker
wird bemerken,
dass ein reines Gedankenkonstrukt einen interessanten Einfluss auf eine
Körpergegend
hat, die wir mit dem Gott Eros in Verbindung bringen. Die Gedanken, die wir
in
unserem Kopf zulassen, beeinflussen unsere Physis. Wenn wir nun einmal
schauen,
was wir so an negativen Gedanken und ohne jede Aufmerksamkeit in
unserem Kopf
hätscheln und tätscheln, dann sollten wir uns nicht wundern,
dass wir dunkle Ringe
unter die Augen bekommen. Daher ist es m. E. von sehr großer
Bedeutung, dass
wir uns einer Selbsterforschung widmen und einer Geistesschulung
unterziehen. Auf
diese Weise wird uns die Möglichkeit eröffnet, eine gewisse
Beeinflussung
unsers Denkens vorzunehmen. An dem Beispiel mit dem Eros dürfte
klar sein, wie
leicht das gehen kann, wenn man das Prinzip erst einmal verstanden hat. Auf diese imaginative
Weise
ist es möglich, sich hilfreiche Vorstellungen im Geist zu
erschaffen. Egal ob
man sich einen christlichen Heiligen und dessen Energie vorstellt oder
die
emotionale Qualität eines Engels, die geistige Frequenz eines
transzendenten
Buddhas oder was auch immer. Sobald ich mir bewusst darüber werde,
dass
vorgestellte Bilder eine Wirkung haben, kann ich das Prinzip für
die Beruhigung
des Geistes, für die tiefere Meditation und die Entwicklung des
Zeugenbewusstseins anwenden. Hat man mit einiger
Übung
diesen Zustand erreicht, beginnen der Ausbau und die Pflege dieses vom
zwiegespaltenen Denken befreiten, des „störungsfreien“
Bewusstseins. Wir erinnern uns an den
Anfang
dieses Aufsatzes: Das normale Alltagsbewusstsein ist vom Mechanismus
des
Zergliederns, Trennens, Kritisierens ergriffen und findet ohne
entsprechende
Selbsterforschung kein Ende. Aus diesem inneren Zerrissensein
fließt sehr viel
Leid. Doch dieses Leid kann beendet werden, indem das Ich-Bewusstsein
nach
einem Zustand zu streben beginnt, um den es anfangs nur vom
Sagenhören weiß. So
sei es noch einmal gesagt: Es gibt das Zeugenbewusstsein und jeder kann
es entwickeln. |
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