| Netzwerk-Initiative "Spirituelle Krisen und Transformation" | |
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Nahtod-Erfahrungen von Gerald F. Rubisch |
Häufig werden so genannte Nahtod-Erfahrungen als glückselig machende Erlebnisse beschrieben, die meist eine tiefgreifende positive Neubewertung der eigenen Lebensidee nach sich ziehen. Die großen existentiellen Fragen werden beantwortet und man bekommt endlich seinen Platz im Leben, im Sinne einer Bedeutung. Scheinbar, denn für sehr viele Menschen, die eine außergewöhnliche Bewusstseinserfahrung im Rahmen einer realen oder drohenden existenzgefährdeten Situation erleben, ist die Folge eine spirituelle Krise. Eine Nahtod-Erfahrung (NTE)
ist ein passives Ereignis. Im Gegensatz zu herausgeforderten außeralltäglichen
Erfahrungen, kommen sie unerwartet und unvorbereitet. NTE´s erleben nicht nur
Menschen, die sich sowieso mit der Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigen
oder auf der Suche nach sich selbst sind. Es kann sozusagen jeden treffen. Es
sind plötzliche, mystische Erlebnisse, mit paranormalem Charakter. Das Leben
erscheint dann sprichwörtlich in einem neuen Licht, alles bisher Dagewesene wird in Frage gestellt. Formen von Nahtod-Erfahrungen Meist sind es bewusste
Erlebnisse. Es kann aber auch vorkommen, dass sie zunächst nicht als solche
erkannt werden. So können Nahtod-Erfahrungen genauso gut unbewusst erlebt und
tiefgreifende Veränderungen im Leben keiner Ursache zugeordnet werden. Nahtod-Erfahrungen kommen
aber nicht ausschließlich in lebensbedrohenden Situationen vor. Elemente die
die wissenschaftliche Forschung in den letzten Jahrzehnten herauskristallisiert
hat, finden wir genauso während außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen anderer
Natur und Ursache, wie meditativen Erlebnissen, religiösen Visionen oder auch im
Rahmen spiritueller Praktiken traditioneller und nativer Religionen. Und sie können auch spontan
auftreten, außerhalb jeglicher erkennbaren existenzbedrohenden Situationen. So
wird beispielsweise das so genannte Lebenspanorama auch von Menschen
geschildert, die sich in einem scheinbar existentiell ungefährdeten Zustand
befanden. Neben positiven
Nahtod-Erfahrungen, gibt es auch ein negatives Erleben, was zwar relativ
selten, aber dennoch vorkommt. Weshalb manche Menschen diese wiederfahren, ist
heute noch nicht sicher zu sagen. Umgang mit Nahtod-Erfahrungen Das Interesse an
Nahtod-Erfahrungen wächst stetig. Dies hat sehr unterschiedliche Gründe, zumal
wir heute in den Medien den Tod permanent vor Augen haben. Menschen die keine
NTE erlebten, suchen vor allen Dingen Trost in Nahtod-Berichten und sehen in
ihnen eine Möglichkeit, ihrer Angst vor
dem Tod zu begegnen und sich mit ihr auseinanderzusetzen Nahtod-Erfahrene sprechen in
aller Regel nicht gerne über ihre Erlebnisse. Viele haben Angst vor den
Reaktionen ihres Umfeldes. Manchmal wird noch nicht einmal der Lebenspartner
eingeweiht, trotz offensichtlicher denkwürdiger Veränderungen im Alltag. Dies
kann bis dahin gehen, das Partnerschaften aufgelöst werden, weil sowohl beim
Erlebenden selbst, als auch beim Partner, kein Sinn mehr im zusammen Leben
gesehen wird oder die Bedeutung der Beziehung an Wert verliert. Viele Ängste
machen sich breit, was bis zur Depression führen kann, Orientierungslosigkeit
in der „hiesigen“ Welt oder Begegnungen während der Erfahrung werden
pathologisiert. Werden NTE´s nicht bewusst wahrgenommen, wird sich nicht an
dieses Erlebnis erinnert und kommt es insgesamt nicht zu einem
Integrationsprozess, können destruktive soziale und gesellschaftliche
Konsequenzen die Folge sein. Die spirituelle Krise als Konsequenz einer
Nahtod-Erfahrung Von spirituellen Krisen auf Grund einer Nahtod-Erfahrung ist in der Literatur wenig die Rede. Dies hat womöglich damit zu tun, dass sie häufig positiv vom Sterben und Tod berichten, einem Prozess und Zustand, von denen wir uns aus Mangel an Kenntnissen fürchten. Dagegen zeigt sich in der Praxis und in Gesprächen mit Nahtod-Erfahrenen, dass eine Krise als Folge eines solchen Erlebens sehr häufig vorkommt. Beginnend mit einem Gefühl des anders-und ausgegrenzt-seins, über eine Verständnislosigkeit gesellschaftlichen und sozialen Handelns des Umfelds, bis zur Angst „verrückt“ zu werden, oder gar zu sein. Die Konsequenzen können sehr weitreichend sein. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Erlebnis an sich. Wenn auch manchmal verstörend, wird ein Nahtod-Erlebnis an sich meist als angenehm und außerordentlich friedlich wahrgenommen. Erst wenn man sich wieder in seinem alltäglichen Rahmen orientieren muss, treten die Schwierigkeiten auf. Die wenigsten scheinen überhaupt darüber zu sprechen und wenn, dann mit einer sicherlich gebotenen Zurückhaltung. Nahtod-Erfahrene leben plötzlich mit einem veränderten
Wertesystem. Was gestern noch gut und richtig war, ist heute belanglos und
nichtig. Sie finden sich ad hoc in einer Welt wieder, die sie mit anderen Augen
sehen. Grenzen und Bedingungen, an denen man sich orientierte, sind nicht mehr
vorhanden. Das Leben muss völlig neu sortiert werden. Das Dasein bekommt einen
anderen Sinn, der womöglich nicht mehr mit der Umgebung, in der man lebt,
kompatibel ist. Das Leben unterliegt
wissenschaftlich, politisch, sozial und gesellschaftlich einer gewissen
Ordnung. Diese Ordnung scheint nicht mehr zu gelten. Größere Zusammenhänge
werden erlebt, Sinnfragen beantwortet und Lebensaufgaben werden wahrgenommen.
Dabei stellen sich aber auch neue Fragen, die bislang noch wenig Akzeptanz
besitzen. Es sind Fragen nach dem Bewusstsein, nach einem Leben nach dem Tode
oder was für eine existentielle Rolle das erlebte Licht im Leben spielt. Austauschmöglichkeiten Es macht Sinn, Menschen, die außeralltägliche Bewusstseinserlebnisse hatten, einen Rahmen zu bieten, innerhalb dessen sie sich austauschen können, wo sie Verständnis finden und Hilfe, sich wieder im Leben zurechtzufinden. Und es macht Sinn, sich für die Hintergründe tiefgreifender Veränderungen von Menschen zu interessieren, ob nicht doch etwas erlebt, was „vergessen“ oder nicht kommuniziert wurde. (c) Gerald F. Rubisch, 2011 Der Autor dieses Textes,
Gerald F. Rubisch, hat in Augsburg eine Studiengruppe zu diesen Themen initiiert. Kontakt: www.praxis-lebensphilosophie.de | |